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Stand:
28.06.2002
© Familie Kleint

von frankfurt nach berlin 1931 - 1936

frankfurt 1931. die universität stand auf ihrem höhepunkt. allein in den geisteswissenschaften wirkte ein dutzend berühmter leute und es gab auch seminare mit einem dutzend professoren. Max Scheler war da, dessen bibliothek ich mitverwalten mußte. Horkheimer, ein sehr schlanker hübscher mann mit tiefschwarzen haaren kam oft ins psychologische institut und dann und wann auch Adorno (er hieß damals noch Wiesengrund), wenn auch noch außerhalb stehend. mit Gelb und Goldstein, damals schon berühmt wegen ihrer untersuchungen an hirnverletzten, gab es ständige zusammenarbeit.

meine 6 universitätsjahre in frankfurt waren um, allein aus inneren gründen. zwar winkte noch ein lehrauftrag aus basel und die habilitation stand sowieso fest. aber ich wagte den sprung aus sicherer, zukunftsvoller geborgenheit ins ungewisse der kunst. zunächst nur halbtags in der städelschule, wo mich Fritz Wichert, gerade mit seiner phänomenalen ausstellung "vom abbild zum sinnbild" befaßt, freundlich aufnahm. er schickte mich zu Peter Röhl in den vorkurs, wo von dessen bauhausschulung wenig zu merken war. Beckmann war für uns unsichtbar. wir machten den laufenden aufgaben zum trotz in Gemeinschaftsarbeit und fastfieberhaft materialkompositionen aus stroh, papier, nägeln und allem was sich fand, ohne etwas derartiges gesehen zu haben. Lisker, der später an Wicherts stelle in brauner uniform als direktor saß, riet mir in längeren Gesprächen über kunst zu Itten.

der wechsel war total. so wichen frankfurter nasallaute der berliner schnauze und die berliner luft war, wie erwartet sehr belebend. max wertheimer, der großes verständnis für den berufswechsel gehabt hatte, rief mich noch einmal, wenn auch nur für halbtags, zurück. aber ich war da schon zuhause und in unkenntnis der hereinbrechenden riesenwirtschaftskrise, die zu durchschwimmen beträchtliche mühe kostete, lehnte ich ab. bei Itten lag, als ich hereinkam, alles zu boden und gab rythmische laute von sich. ich war ziemlich betroffen, merkte aber bald, daß man da etwas lernen konnte. ganz neu war das freilich nicht, die arbeit in frankfurt betraf ausschließlich die wahrnehmung. wir blickten dort durch röhren und auf farbkreisel, experimentierten mehr als wir nachdachten und reihen stufen, kontraste waren uns vertraut. man hatte da sehen gelernt. Itten zitierte oft Schlemmer, der uns einging als prototyp des bauhausmenschen, und auch Klee, während von Kandinsky und erst recht von Gropius keine rede war. wir kunstschüler waren daher verwöhnt und konnten den offiziellen kunstausstellungen kaum Geschmack abgewinnen. dort sagte einer: "die plastik ist noch um einige grade schwächer als die malerei." dicht hinter uns stand Georg Kolbe mit versteinertem gesicht.

es zog uns alle mehr oder weniger zum bauhaus, dem ich mich schließlich noch direkt zuwenden wollte. in steglitz stand es da wie zur eigenen beerdigung bereit - schon äußerlich. Kandinsky lehnte meine etwas bange frage, ob es möglich sei, produktiv zu arbeiten und gleichzeitig zu unterrichten mit dem hinweis auf sich selbst, gelassen als völlig unbegründet ab. wir besprachen mit ihm ausführlich die arbeiten fortgeschrittener schüler. aber das dauerte nicht lange: das haus fand ich einige tage danach laut anschlag der gestapo, geschlossen vor. Gropius lernte ich erst einige jahre später in london kennen, wo er mich zur mitarbeit an dem geplanten bauhaus in england gewinnen wollte.

also wieder zurück zu Itten, der inzwischen auch in krefeld wirkte. ich konnte ihn in seiner abwesenheit von berlin bis 1934 vertreten und nach seinem endgültigen weggang die verbliebenen schüler in eigener privatschule übernehmen. Itten lehrte zuletzt allein, Georg Muche war nicht lange da, auch Ardon, der damals noch Bronstein hieß, hatte mit seinen maltechnischen stunden nur ein kurzes Gastspiel zwischen bauhaus und Israel gegeben. trotz Itten, bauhaus und kubismus, beschäftigten uns doch sehr die alten meistern wofür auch Itten selbst sorgte.

das Kaiser-Friedrich-Museum war häufiges ziel und dort wieder die ägypter. draußen gab es am stand kartoffelpuffer und gleich daneben bücherwagen mit kunst. das gehörte alles zusammen wie gelegentliche ausflüge in abgelegene oder arme stadtteile, wie die besuche bei flechtheim, möller und nierendorf. Furtwängler war zu hören, Asta Nielsen auf dem kudamm zu sehen und das jüdische theater gab den "dybuk". die braune wolke kam nur langsam, zunächst unmerklich heran.

Buchholz, der später nach new york ging, war noch 1935 optimistisch und meinte wie viele andere, die nazis würden nach ihrem sieg schon toleranter werden. aber es kam anders. auf dem wilhelmplatz merkte ich, unter zehntausenden eingekeilt und aus sicherheitsgründen schließlich auch die Hand hebend, woher der wind wehte. dort stand auf dem balkon der massenhypnotiseur. waren es 1933 nur wenige, wie Klee, die man entfernte, so ging es uns jüngeren auch langsam an den kragen. Ferdinand Möller wollte mich noch ausstellen, mußte aber bald resignieren und den laden schließen. 1936 - die ausstellung "entartete kunst" war in vorbereitung - kehrte ich der stadt den rücken und verließ deutschland.

für symbol
6. XI. 1979

Boris Kleint (c)

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